Erneuerung

von Hans-Peter Mumssen

Indem Gott von einem neuen Bund spricht, erklärt er den ersten für veraltet. Was aber alt ist und ausgedient hat, wird bald ganz verschwinden. (Hebr.8,13)

Was ist eigentlich neu?

Der Brief an die Hebräer, den wir im Neuen Testament finden, ist eine große Hilfe, um das Alte Testament zu verstehen. Dem Schreiber geht es allerdings nicht darum, den Alten Bund aufrechtzuerhalten. Vielmehr will er dessen Rolle und Funktion in Hinblick auf den Neuen Bund erklären, den Gott in Christus mit uns schließt. Worin sieht nun der Schreiber des Hebräerbriefes - einige vermuten, dass es Paulus war - die entscheidenden Merkmale des neuen Bundes? Die Zehn Gebote können es nicht sein, die gab es schon vorher. Auch nicht das Gebot der Nächstenliebe. Selbst die Rechtfertigung aus Glauben und Gnade - eines der Hauptmerkmale der Reformation - ist schon ein Bestandteil des Alten Testaments. Nun spricht aber Paulus im Brief an die Epheser über ein Geheimnis, von dem es heißt: Frühere Generationen kannten dieses Geheimnis noch nicht; aber jetzt hat Gott es seinen Aposteln und Propheten durch seinen Geist enthüllt. (Eph.3:5) Gemeint ist das Evangelium. Was ist also so neu daran, dass frühere Generationen vor Christus es nicht erkennen konnten? Das Neue erkennen Was wirklich neu ist, wird in folgender Bibelstelle zum Ausdruck gebracht: Der zukünftige Bund jedoch, den ich mit Israel schließen werde, wird so aussehen: „Ich werde - sagt der Herr - meine Gesetze in ihr Innerstes legen und werde sie in ihre Herzen schreiben. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Keiner muss seinen Mitbürger dann noch belehren, keiner mehr zu seinem Bruder sagen: ‚Komm und lerne den Herrn kennen!‘ Nein, vom Kleinsten bis zum Größten werden alle mich kennen. Denn ich werde ihnen alles Unrecht vergeben und werde nie mehr an ihre Sünden denken.“ (Hebr.8,10-12) Das Geheimnis wiederum, welches bisher verborgen war, ist: Die Nichtjuden - darin besteht dieses Geheimnis - sind zusammen mit den Juden Erben, bilden zusammen mit ihnen einen Leib und haben zusammen mit ihnen teil an dem, was Gott seinem Volk zugesagt hat. Das alles ist durch Jesus Christus und mit Hilfe des Evangeliums Wirklichkeit geworden. (Eph.3,6) Das bedeutet also, dass sich der Neue Bund nicht nur auf Israel bezieht, sondern auf alle, also auch auf uns. Der Kern der Botschaft ist, dass Gott etwas in unser Herz hineinschreibt, nämlich sein Gesetz. Das ist gleichbedeutend mit anderen Aussagen wie: „Gott macht in uns Wohnung“, „Christus in uns“ oder, dass wir in der Wiedergeburt ein neues Leben aus Gott empfangen haben. All das ist ein Werk des Heiligen Geistes, das nur geschehen konnte, weil Jesus am Kreuz unseren Schuldbrief zerrissen hat!

Im Neuen leben

Diese vielleicht noch abstrakten Verse haben eine ungeheure Auswirkung auf unser Leben. 1. Gott ist immer bei uns. 2. Seine Gebote befinden sich in unserem Herzen. Wir werden also von innen her geleitet. 3. Jeder Christ erkennt Gott und hat jederzeit Zugang zum lebendigen Gott. 4. Schuld und Sünde klagen uns nicht mehr an. Auch unsere menschliche Schwachheit hindert Gott nicht, in und durch uns zu wirken. Das Einzige, was bei uns liegt, ist, dieser Zusage Gottes zu vertrauen. Das beginnt mit einem Willensentschluss und setzt sich fort im praktischen Leben. So, wie Petrus damals den Worten Jesu vertraute und am helllichten Tage fischen ging, dürfen auch wir ihm vertrauen und unser Leben darauf einrichten. So, wie Petrus erst vertrauen musste, bevor er die Bestätigung erlebte, sind auch wir herausgefordert, erst zu vertrauen und dann zu erleben. Auf diese Weise fangen wir an, im Neuen zu leben. 5

Rücksprung ins Alte

Obwohl wir so großartige Zusagen von Gott haben, neigen jedoch auch Christen immer wieder dazu, in alte Vorstellungen und Gewohnheiten zurückzuspringen. Das begann schon ganz früh, kurz nachdem das Evangelium anfing, sich auszubreiten. Die Gemeinde in Galatien war zum Beispiel völlig verunsichert, ob ihre Errettung nicht auch davon abhängig war, dass sie sich beschneiden ließen. Beschneidung bedeutete, sich öffentlich den mosaischen Geboten zu unterwerfen. Nun waren diese Gebote ja nicht falsch. Doch verschleierte diese Unterwerfung das, was uns in Christus geschenkt wurde: Gottes Gebote in unseren Herzen. Deshalb verurteilte Paulus diese Praxis aufs Schärfste: „Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen.“ (Gal.5,2) Und drastisch setzt er fort: Sollen sie sich doch gleich kastrieren lassen, die euch dazu aufhetzen! (Gal.5,12) Doch das ist nicht die einzige Art, wie Christen sich vom Kern des Evangeliums entfernen können. Ein wesentlicher Punkt durch die ganze Kirchengeschichte ist der Verlust des Zugangs zu Gott. Aus irgendeinem Grund haben Christen die Verbindung zu Gott verloren oder sie war ihnen zu mühsam. Stattdessen hielten sie sich an andere Personen, die ihrer Meinung nach diesen Zugang hatten. Priester, Pastoren, Bischöfe und Propheten wurden so zu Sprachrohren Gottes - genau wie im Alten Testament. Man betete nicht mehr selbst, sondern ließ für sich beten. Man fragte nicht Gott selber, sondern die Spezialisten oder die Propheten. Diese Tragik in der Gemeinde Jesu beobachte ich bis zum heutigen Tag, auch in unseren freikirchlichen und charismatischen Kreisen. Ein weiterer Schritt nach hinten ist die Wiedereinführung der Magie. Das mag krass klingen. Ich meine damit nicht irgendwelche dunklen Treffen, auf denen Zauberformeln gesprochen werden. Vielmehr verstehe ich unter Magie den Versuch, durch äußere Handlungen etwas Geistliches zu bewirken - also Gott zum Handeln zu bewegen. Hier werden Ursache und Wirkung vertauscht. Der Wunsch, durch eine äußere Berührung mit Gott in Kontakt zu kommen, ist mir bei meinen Reisen durch Israel immer wieder begegnet. Israel ist ein wunderschönes Land, doch es ist nicht heiliger als irgendein Mensch auf dieser Welt, der zu Jesus gehört. Oder nehmen wir die unterschiedlichen Sichtweisen beim Thema Lobpreis. Ich bin der festen Überzeugung, dass unser Lobpreis weder die Gegenwart Gottes noch eine Erweckung erzeugt. Im Gegenteil: Die Gegenwart Gottes erzeugt unseren Lobpreis. Da nun Gott immer gegenwärtig ist, ist ein ergriffener Lobpreis der Glaubenden ein Zeichen für diese Tatsache. Doch auch ohne Lobgesang oder laufende CD ist Gott gegenwärtig. Es heißt doch: „Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über“ und nicht „Wovon der Mund übergeht, davon wird das Herz voll“!

Das Neue ergreifen

Ich möchte uns Mut machen, alle Botschaften abzuschütteln, die nicht zum Evangelium gehören. Gott ist immer bei uns - lasst uns deshalb auch immer mit ihm rechnen. Sein Geist und sein Wort bilden eine Einheit in uns. Der Informationsgehalt des Wortes unterscheidet sich nicht von dem, was wir in der Bibel lesen. Doch in der Verbindung mit Gottes Geist in uns werden wir in die Lage versetzt, es nicht nur zu hören, sondern auch zu leben. Weiterhin hat jeder von uns Zugang zu Gott - lasst uns das pflegen, indem wir alles mit Gott besprechen und nicht nur mit uns selbst oder anderen Menschen. Alles kann man uns nehmen, doch nicht unsere Verbindung zu Gott! Und lasst uns daran festhalten, dass Gott uns nicht anklagt, selbst wenn wir uns selber anklagen. Unsere Schuld ist ein für alle Mal gesühnt. Danke Jesus! Er ist in uns Schwachen mächtig!

Pastor Hans-Peter Mumssen